Kleines Mädchen auf dem Rädchen

Als Regina aus der Schule kam, hörte sie schon im Treppenhaus das Rattern der Nähmaschine ihrer Mutter. „Kannst du dem Papa heute Essen bringen, ich schaff das nicht, muss das Kleid noch fertig nähen.“

„Ja, mach ich sofort, Mutti.“

Der ganze Tisch lag voller Nähutensilien. Das Burda-Heft mit der Schnittmuster Beilage, die Papierbögen mit den perforierten Linien und das kleine silberne Kopierrädchen. Es sah nach viel Arbeit aus. Das Kleid wollte Mutti bis zum Abend noch fertig haben, sie hatte es der Nachbarin, Frau Trawinski, versprochen. Regina nahm den Korb mit dem Henkelmann, hüpfte in den Keller und schob das Rädchen auf den mit feinem Kohlenstaub überzogenen Bürgersteig. Dann machte sie sich auf den Weg zur Friedrich-Thyssen Schachtanlage 4/8 in Duisburg-Hamborn. Das Rädchen war ein umgebauter Tretroller mit Ballonreifen. In den 50er Jahren waren die Leute sehr erfindungsreich. Ihr Papa hatte aus dem Roller ein Fahrrad gebaut. Nicht viele Kinder besaßen im Alter von 6 Jahren schon ein Rad, deshalb war sie auch besonders stolz. Am Lenker baumelte der Korb mit dem Henkelmann, das Mittagessen für Papa – Möhreneintopf mit dicker Rippe -. Wieder einmal hatte der Vater eine Doppelschicht und konnte den Arbeitsplatz nicht verlassen. Als Fördermaschinist war er an seinen Platz gebunden. Wenn die Kumpels unter Tage klingelten fuhr er den Förderkorb hoch.

Den Weg von der grauen Wohnsiedlung in Duisburg-Meiderich bis zum Schacht kannte Regina gut. Das Mittagessen hatte sie schon oft gebracht, früher mit ihrer Mutter zusammen und jetzt manchmal alleine. Gut gelaunt rollte sie mit dem Rädchen über den Bürgersteig. Die Strasse mit dem alten Kopfsteinpflaster und den Strassenbahnschienen war viel zu gefährlich. Mutig durchquerte sie die dunkle Bahnunterführung und weiter entlang ging es am Schlackenberg. Hier wurde die noch heiße Hochofen Schlacke vom Zug abgekippt. Nachts leuchtete der Himmel glutrot. Es wurde taghell, weil die Schlacke noch glühte. Verwandte und Freunde, die nicht im Ruhrgebiet lebten, staunten und fürchteten sich wenn sie das nächtliche Schauspiel sahen. Für die hier lebenden Kinder war das Alltag.

Bereits am Ende den Schlackenberges konnte Regina ihn riechen, lange noch nicht sehen, den Flug, die Emscher. Einbetoniert im Flussbett transportierte diese Kloake sämtliche Industrieabfälle. Den Kindern wurde erzählt, dass auch Köttel darin schwimmen. Regina hielt sich die Nase zu und sah genau hin, ob sie endlich die Köttel sehen konnte, aber wieder hatte sie nichts entdeckt. Im Winter, wenn es sehr kalt war, dampfte der Fluss. Er sah aus wie eine weisse Schlange, die sich durch die Landschaft schlängelte.

Bald hatte Regina ihr Ziel erreicht. Von Weitem sah sie das Backstein Pförtnerhäuschen. Der Mann an der Pforte kannte Regina gut und Papa hatte ihm Bescheid gesagt, das sie kommt und Essen bringt. Majestätisch öffnete sich das grosse Tor. Regina winkte dem Pförtner zu und fuhr mit dem kleinen Rad durch die breite Einfahrt. Mit einem erhabenen Gefühl fuhr sie auf das leere Zechengelände. Kein Mensch war zu sehen, ausser ein paar kleinen Kaninchen, die sich in der Grünanlage tummelten und Gras mümmelten. Schwarz und mächtig erhob sich der Förderturm zum Himmel. Das Rad drehte sich langsam, daneben qualmten die Kühltürme und man sah die grosse Maschinenhalle in der Papa seinen Arbeitsplatz hatte. Mit ihrem ganzen Körper musste sie sich gegen das Tor stemmen, damit es sich öffnete. Da sah sie ihn sitzen, ihren Vater, wie er die grossen Hebel bediente.

Er lachte, als er sie kommen sah, freute sich auf das Mittagessen.

„Na, näht Mutti wieder für Jan, Mann und Pit ? Aber ich freue mich dass du kommst, sonst bist du immer schon im Bett wenn ich nach Hause komme. Einen Moment noch, dann bin ich soweit und kann essen.“

Eine Sirene heulte, aus dem Seitentor des Zechengeländes kamen die Bergleute der Frühschicht. “ Die alte Waschkaue wird ausgebaut, die Kumpel müssen sich diese Woche zu Hause umziehen und waschen.“ erzählte der Vater. Es kamen Hunderte von Männern in grauen oder schwarzen Monturen durch die brusthohe Ginsterhecke, wortlos, rauchend, ohne Eile. Die Zweige knackten unter den Nagelschuhen, die Koppelschlösser und Blechflaschen klapperten. Regina strengte sich an die Gesichter zu erkennen, denn das mußten doch alles Nachbarn sein, aber es gelang ihr nicht. Sie stand den Männern im Weg, entschuldigte sich und ging zurück in die Maschinenhalle. “ Bleib hier in der Halle bis alle raus sind, sonst kommst du unter die Füße.“ sagte ihr Papa.

In der Maschinenhalle war außer ihrem Vater nur noch „Bubi, der Putzer“ zu sehen, er lief mit seiner Ölkanne umher, putzte sämtliche Maschinenteile blitzblank und gab an alle beweglichen  Stellen etwas Öl. Die Fördermaschine schnaufte und zischte, in der Halle war es sehr laut und heiß. „Bubi, kannst du mal übernehmen, ich mach kurz Pause“? Zum Essen setzte Papa sich auf eine Bank vor der Halle, die Tür blieb offen, damit er jederzeit die Glocke der Fördermaschine hörte und den Korb fahren konnte. Auch mußte er die Instrumente überwachen und zur Stelle sein, damit es beim Abtransport der Kohlen keinen Stau gab. Über Mittag war besonders viel zu tun, durch den Schichtwechsel. Nach dem Essen rauchte er noch schnell eine Pfeife. dann ging er wieder zurück an seinen Platz.

Regina nahm den leeren Henkelmann mit, verabschiedete sich von Papa. Der drückte sie an sich, gab ihr einen Kuss und bestellte Grüsse an die Mutti. Dann fuhr sie zurück nach Hause. Aber vorher schenke ihr Bubi , der Kollege von Papa, noch eine kleine Tafel Schokolade, weil sie ein tüchtiges und liebes Mädchen war. Er selber hatte zwei Söhne, die aber beide schon groß waren und im „Pütt“ arbeiteten.

Auf dem Rückweg war das Zechengelände und auch die Straßen von den Kumpels der Frühschicht bevölkert. Viele hatten den gleichen Weg wie Regina. Die meisten waren ebenfalls mit dem Rad unterwegs, nur ganz wenige mit einem eigenen Auto. An der Honigstrasse war die kleine Kneipe „Honigstübchen“ schon voll. Einige Kumpels tranken ihr Bier bevor sie zu Hause ankamen. Der größte Teil von ihnen  fuhr oder ging zu Fuß direkt nach Hause Mittagessen und legten sich dann ein paar Stunden aufs Ohr um sich von der Schicht auszuruhen.

Reginas Mutter erwartete sie schon und freute sich über die Grüße von Papa und das sie alles gut erledigt hatte. „So, jetzt haben wir beide uns auch unser Mittagessen verdient,“ unterbrach ihre Näharbeit und setzte sich mit Regina an den bereits gedeckten Tisch.

Nach dem Essen half Regina noch der Mutter beim Abwasch und Aufräumen der Küche, dann begann sie mit ihren Schularbeiten , die fielen ihr heute leicht und sie war flott fertig. Endlich war sie soweit konnte raus, zu den spielenden Kindern aus der Nachbarschaft, die schon auf sie warteten.

2 Gedanken zu “Kleines Mädchen auf dem Rädchen

  1. Vielen Dank fuer die Reise zurueck in die Kindheit! Bei der Beschreibung der Emscher (die Køttelbekke) bekam ich wieder diesen typischen, leicht chemischen Geruch dieses „Flusses“ in die Nase! Das Raedchen ist natuerlich auch noch gut in Erinnerung…

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